Im wörtlichen Sinn ist eine Gezeit ein Naturphänomen: das rhythmische Steigen und Fallen des Meeresspiegels. Sie lässt sich aber auch allgemeiner verstehen als das Zusammenspiel von Kräften, die auf die Landschaft einwirken und sie ständig verwandeln. Diese dynamische Bewegung inspiriert die 21. Ausgabe von Getxophoto und dient als Ausgangspunkt für eine Reflexion über den Status von Bildern und ihre gesellschaftliche Wirkung.
Tide lädt uns ein, Fotografie nicht als statisches Objekt zu betrachten, sondern als eine Praxis in ständiger Bewegung – eine, die Grenzen verschiebt und über etablierte Begrenzungen hinausgeht. Bilder zirkulieren, werden reproduziert, wechseln Kontext und Bedeutung, tauchen auf und verschwinden, werden archiviert und wieder hervorgeholt. Sie bewegen sich zwischen Menschen, Territorien und Zeiten und bieten, wenn sie wieder auftauchen, oft eine andere Perspektive oder erscheinen in einem anderen Licht. Sie tauchen wieder auf in einem Hier und Jetzt, das nie ganz dasselbe ist.
Eine Gezeit kann zudem auch eine Strömung sein, eine Kraft, die stärker wird und ihre Richtung ändern kann: nicht nur eine äußere Kraft – gesellschaftlich, politisch oder kulturell –, die uns mitreißt, sondern auch ein kollektiver Impuls, dessen Teil wir sind und den wir zugleich mitgestalten.
Getxophoto 2027 – Tide sucht Vorschläge aus dem Bereich des Bildschaffens – Fotografie, Video, Aktionen, Installationen, digitale Kunst oder andere visuelle Praktiken –, die sich mit diesen Strömungen auseinandersetzen: Projekte, die Kollektivität nicht nur reflektieren, sondern auch mit aufbauen. Wir suchen Projekte, die sichtbar machen, was verborgen geblieben war, verunsichern, was festgefügt schien, Erinnerung verwandeln oder neue Verbindungen, Handlungsformen und kollektiven Widerstand entwerfen.